70. Jahrestag der Möhnekatastrophe
&
Vintage Air Tour

16.05.2013



Der Möhnesee, am Rande des Arnsberger Waldes im Kreis Soest gelegen, ist ein beliebtes Ausflugsziel für Erholung suchende aus dem nahen Ruhrgebiet aber auch der heimischen Region. Viele Freizeitangebote, Rad- und Wanderwege bieten Möglichkeiten der Entspannung und der sportlichen Betätigung.
Im Juli 1913 durch den Ruhrtalsperrenverband eingeweiht, begeht das imposante Bauwerk in diesem Jahr seinen 100. "Geburtstag". Im Rahmen der Feierlichkeiten war ein Besuchermagnet das "Jahrhundertleuchten": Verschiedene Lichtinstallationen rund um den Ausgleichsweiher am Fuße des Staudamms und eine Filmvorführung, direkt auf die Staumauer projiziert, wurden gezeigt.



       

Im Mai 2013 jährt sich zudem der Jahrestag der Zerstörung der Möhnesperrmauer zum 70. mal.
Durch die als "Operation Chastise" (= Züchtigung) genannte Aktion des britischen Bomber Command sollte die Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet sowie die Wasserversorgung der Region entscheidend beeinträchtigt werden.
Um Abwehreinrichtungen möglichst zu entgehen wurde von dem britischen Flugzeugkonstrukteur Barnes Wellis seit 1940 eigens eine neue Waffe konzipiert und entwickelt. Die später zum Einsatz gegen die Talsperren eingesetzte Rollbombe, genannt "Upkeep", war ein zylindrischer Körper von über vier Tonnen Gewicht, und enthielt etwa 2.600 kg Sprengstoff. Die Bombe musste bei einer exakt einzuhaltenden Geschwindigkeit und Flughöhe in einer zuvor festgelegten Entfernung zum Ziel abgeworfen werden. Sie wurde bereits unter dem Bomber hängend in Rotation gebracht und konnte so von der Wasseroberfläche des Stausees mehrmals abprallen, um mögliche Hindernisse wie Torpedonetze zu überwinden. Der Theorie nach sollte sie dann auf die Staumauer treffen, an ihr heruntersinken und in einer voreingestellten Wassertiefe explodieren. 



Im März 1943 wurde ein Spezialverband für die Durchführung des Angriffs aufgestellt, die 617. Squadron unter dem Kommando des damals 25-jährigen Wing Commander Guy Gibson. Als Flugzeugtyp kam ein modifizierter Lancaster Bomber zum Einsatz. 23 Maschinen des Typs Avro Lancaster Mk III wurden für die Aufnahme und den Transport der Rollbombe umgerüstet.
Nach einem sechs-wöchigen Training mit Übungsangriffen auf britische Talsperren wurde dem Verband am 15.05.1943 das Angriffsziel bekannt gegeben. Neben der Sperrmauer des Möhnesees sollten noch insgesamt vier weitere Talsperren angegriffen werden. Nur einer dieser zusätzlichen Angriffe, auf die Edertalsperre, führte dabei zum Erfolg.
19 Lancaster Bomber wurden auf drei Angriffswellen aufgeteilt. In der Nacht des 16.05.1943 starteten die Bomber von ihrer Basis, dem Flugplatz Scampton, mit Ziel Westdeutschland. Die erste Welle bestehend aus neun Bombern erreichte den Möhnesee gegen 00:15 Uhr. Nach einem ersten Probeanflug warf Guy Gibson gegen 00:30 Uhr seine Rollbombe als erster ab. Die Bombe traf auch ihr Ziel, konnte den Damm jedoch nicht zerstören. Der zweite Angriff wurde von Flight Lieutenant John Hopgood ausgeführt. Obwohl ein Großteil der Flakverteidigung bereits von der Staumauer abgezogen worden war wurde Hopgoods Lancaster getroffen und in Brand geschossen. Seine Bombe wurde zwar noch ausgeklinkt, verfehlte jedoch die Staumauer. Sie sprang darüber, explodierte im dahinter liegenden Gelände und zerstörte das dortige Kraftwerk. Der Lancaster Bomber erhielt Treffer der 2cm Flakgeschütze in die linken Motoren und die rechte Tragfläche. Kurz bevor die Tragfläche abscherte konnten drei Besatzungsmitglieder mit dem Fallschirm abspringen, wovon zwei den Absprung überlebten. Der Bomber schlug 3 km von der Ortschaft Ostönnen entfernt auf, wobei die übrigen vier Besatzungsmitglieder getötet wurden.
Erst nach dem fünften Angriff, geflogen von Flight Lieutenant Maltby, wurde der Damm zerstört und ein Loch von 76 mal 23 Meter in die Staumauer gerissen.
Eine verheerende Flutwelle ergoss sich durch das Möhne- und Ruhrtal. Die nahezu unvorstellbare Menge von 330 Millionen Tonnen Wasser strömten dabei durch den geborstenen Damm. Das unweit gelegene Kloster Himmelpforten wurde vollständig zerstört. Über 1.000 beschädigte und zerstörte Wohngebäude, überflutete Nutzflächen, zerstörte Fabriken, vollgelaufene Luftschutzkeller, getötetes Vieh...die bis zu 12 Meter hohe Flutwelle zog eine urgewaltige Schneise der Zerstörung durch das Möhne- und Ruhrtal bis hinein in die Nähe der Städte Hagen und Essen, gut 50 bis 100 Km vom Möhnesee entfernt. 
Die meisten Opfer forderte der Angriff unter Zwangsarbeitern in einem Lager in Neheim. Insgesamt wurden durch den Angriff zwischen 1.200 und 1.600 Menschen getötet.
53 der 133 Besatzungsmitglieder, die an dem Angriff teilnahmen, wurden beim Anflug, dem Angriff selbst, oder dem Rückflug getötet.
Bereits im September 1943 war die Sperrmauer bereits nahezu vollständig wieder repariert worden. Bei den Arbeiten, geleitet durch die Organisation Todt, wurden überwiegend Zwangsarbeiter eingesetzt. Schon im Oktober 1943 wurde begonnen, das Wasser wieder zu stauen.
Zusammenfassend geurteilt war der Angriff zwar erfolgreich ausgeführt worden. In taktischer und strategischer Hinsicht entfaltete die Zerstörung der Talsperren jedoch keinen nachhaltigen Einfluss auf die Rüstungsproduktion des Ruhrgebietes oder gar den Verlauf des Krieges.
Die Piloten wurden bei ihrer Rückkehr als "Dambusters" gefeiert und erhielten hohe Auszeichnungen.
Die 617. Squadron existiert noch heute in der Royal Air Force und ist auf dem Fliegerhorst Lossiemouth stationiert. Ausgerüstet ist das Geschwader derzeit mit dem Tornado GR.4. Der Spruch innerhalb des Geschwaderwappens "Apres moi le deluge" bedeutet "Nach mir die Sintflug".

Anlässlich des 70. Jahrestages der Bombardierung fanden mehrere Gedenkveranstaltungen statt.
An der Gedenkveranstaltung der Stadt Arnsberg im Sauerland nahm neben dem Bürgermeister der Stadt Arnsberg auch der britische Botschafter in Deutschland, Simon McDonald, teil. Viele weitere Gedenk- und Mahnveranstaltungen fanden in den Ortschaften rund um den Möhnesee sowie entlang des Ruhrtals statt.

Den britischen de Havilland Moth Club führte der diesjährige Ausflug (Vintage Air Tour) in diesem Zusammenhang nach Nordrhein-Westfalen. Mit mehreren Oltimerflugzeugen machten sich die britischen Piloten zusammen mit befreundeten deutschen Piloten auf den Weg vom Flugplatz Borken-Hoxfeld zum Möhnesee. Dort überflogen sie gemeinsam in Formation mehrmals die Möhnetalsperre und anschließend die Edertalsperre, um der Opfer zu gedenken. Ein polnischer Pilot konnte aufgrund technischer Schwierigkeiten leider nicht teilnehmen. Sonst wäre es gelungen, den Gedenkflug unter Beteiligung eienr weiteren Nation durchzuführen, die bei dem Angriff Opfer erlitt.
Weit über 100 Besucher verfolgten den Überflug auf der Staumauer am Möhnesee. Darunter auch Zeitzeugen jener Nacht, die sich, von den Motorengeräuschen sichtlich bewegt, den Fragen eines Fernsehteams stellten.
     

       



Anschließend landeten die Oldtimerflugzeuge auf dem Flughafen Paderborn-Lippstadt, der Heimatbasis des Quax Vereins. Auch zahlreiche Besucher konnten die Raritäten von der Besucherterrasse aus bestaunen. Zu den Schätzen gehörten neben einer DHC-1 Chipmunk und mehreren D.H.82 Tiger Moth weitaus seltenere Typen wie die D.H.87 Hornet Moth, D.H. 85 Leopard Moth und eine Tipsy Belfair.

       

       


Zusammen mit vielen Quax Mitgliedern und den befreundeten deutschen Doppeldeckerpiloten nahmen die britischen Piloten auf die Einladung des Quax Vereins ein gemeinsames Mittagessen ein. Reichlich Gelegenheiten also, um sich auszutauschen und Fliegerlatein zu sprechen, bevor am Nachmittag der Rückflug anstand.
Die letzten erwischte dabei leider der ab etwa 15:30 Uhr einsetzende Regen. Wahrlich keine komfortable Angelegenheit, dann in einem offenen Doppeldecker zu fliegen.


       

       



Neben den sehenswerten Oldtimern war dieser Tag für mich gerade wegen des geschichtlichen Hintergrundes beeindruckend. Der Zweite Weltkrieg mag mittlerweile mehr und mehr im Gedächtnis verblassen. Gerade deshalb ist es meiner Meinung nach wichtig, sich bewusst an diese gefährliche und oft tödliche Zeit zu erinnern. Denn viel zu oft wird erst dann klar, unter welch friedlichen Umständen wir heutzutage leben.
Diese Erfahrung hat mir der Besuch des Staudamms während des Überflugs deutlich vor Augen geführt.


Interessante Informationsquellen:

Dokumentation des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe

Britische Seite über den Angriff, die Hintergründe, Technik und Personen

Euler, Helmut: Als Deutschlands Dämme brachen, Motorbuchverlag Stuttgart



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